Neulich fiel mir eine alte Zeitungsmeldung
folgenden Inhalts in die Hände: Nachdem
in Bangladesch Wilderer einen jungen Elefanten
getötet hatten, verwüsteten dessen
überlebende Herdenmitglieder ein ganzes
Dorf und schlugen 1000 Bewohner in die Flucht.
Einige Tiere bewachten den toten Verwandten
und ließen keine Menschen heran. Ein
Wildhüter berichtete, daß die
trauernden Elefanten Klagegeräusche
von sich gaben.
Bei diesem Bericht mußte ich gleich
an folgendes Zitat von Elias Canetti denken:
„Es schmerzt mich, daß es nie
zu einer Erhebung der Tiere gegen uns kommen
wird, der geduldigen Tiere, der Kühe,
der Schafe, alles Viehs, das in unsere Hand
gegeben ist und ihr nicht entgehen kann.
Ich stelle mir vor, wie die Rebellion in
einem Schlachthaus ausbricht und von da
sich über eine ganze Stadt ergießt
....“
Überhaupt kann die Tierrechtsbewegung
auf eine beeindruckende Zahl von Nobelpreisträgern
auf ihrer Seite verweisen. Da können
wir ganz aktuell beginnen: Elfriede Jelinek
bekennt sich zum Kampagnentext: „Sowenig
Farbige für Weiße oder Frauen
für Männer geschaffen wurden,
sowenig wurden Tiere für den Menschen
geschaffen.“
Und der Literaturnobelpreisträger Vorjahres,
J. M. Coetzee, ein vehementer Verfechter
der Tierrechtsidee, läßt seine
Protagonistin Elizabeth Castello sagen:
„Es waren die Viehhöfe von Chicago,
die die Nazis lehrten, wie man Körper
verarbeitet.“
„Im Hinblick auf das Recht zu leben,
befinden wir uns ... auf derselben Stufe
wie die Tiere“, befindet der Dalai
Lama. Ob Dichter, Denker oder Wissenschaftler
– alle kommen zum Ergebnis, daß
der übliche Umgang mit Tieren moralisch
nicht zu rechtfertigen ist:
„Es gibt keinen objektiven Grund
für die Annahme, daß menschliche
Interessen wichtiger seien als tierliche.“
(Bertrand Russell)
„Wer gegen arme, hilflose Mitgeschöpfe,
die unter ihm stehen, erbarmungslos gewesen
ist, hat kein Recht, wenn er in hilflose
Lage kommt, zu einem höher stehenden
Wesen zu beten: Herr, erbarme dich meiner!“
(Bertha von Suttner)
„Die Grausamkeit gegen Tiere und
auch die Teilnahmslosigkeit gegenüber
ihren Leiden ist nach meiner Ansicht eine
der schwersten Sünden des Menschengeschlechts.“
(Romain Rolland)
„Die unschuldigen Pflanzen und Tiere
sind von Gott in des Menschen Hand gegeben,
daß er sie liebe und mit ihnen wie
mit schwächeren Geschwistern lebe.“
(Hermann Hesse)
„Unsere Aufgabe ist es, uns selbst
zu befreien, indem wir die Sphäre des
Mitleids auf alle Lebewesen ausdehnen.“
(Albert Einstein)
„Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte
Verantwortung gegen alles, was lebt.“
(Albert Schweitzer)
Das ist schon eine erstaunliche und erfreuliche
Liste. Umso mehr, wenn man bedenkt, daß
die Mehrzahl der angeführten Personen
ihre Aussagen zu einer Zeit machte, als
es die Tierrechtsbewegung noch gar nicht
gab. Das ist ein unabweisbarer Beleg dafür,
daß die beliebte Behauptung, Tierrechte
seien eine bloße Modeerscheinung,
völlig unsinnig ist. Das Gegenteil
ist der Fall: Herausragende Geister haben
Richtigkeit und Notwendigkeit von Tierrechten
schon lange vor der Tierrechtsbewegung erkannt.
Und Elfriede Jelineks Bekenntnis wirft
auch ein Schlaglicht auf einen wichtigen
Grund für diese frühzeitige Erkenntnis:
die innere Logik der Entwicklung von Ethik
und politischem Bewußtsein. Die Ausbeutung
und Unterdrückung aufgrund der Spezies
ist letztlich genauso willkürlich und
falsch wie die Ausbeutung und Unterdrückung
aufgrund von Hautfarbe und Geschlecht. Rassismus,
Sexismus und Speziesismus befinden sich
logisch und ethisch auf der gleichen Ebene
- und sind aus dem gleichen Grund falsch:
Es sind moralische Diskriminierungen aufgrund
moralisch belangloser Merkmale – Hautfarbe,
Geschlecht und Artzugehörigkeit.
Viele Nobelpreisträger haben sich
überraschend „radikal“
und „provozierend“ geäußert.
So auch George Bernard Shaw („Tiere
sind meine Freunde ... und meine Freunde
esse ich nicht“) und Isaac Bashevis
Singer („Wo es um Tiere geht, wird
jeder zum Nazi; für die Tiere ist jeden
Tag Treblinka“). Das sollte auch uns
ermutigen, die Verbrechen an Tieren beim
Namen zu nennen. Wer schweigt oder schönredet,
macht sich schuldig.